«Lesben erhalten zu wenig Aufmerksamkeit»

Sylvie Berrut beschäftigt sich mit der Gesundheit von lesbischen Frauen. In einer Studie hält sie fest: Lesben wissen viel zu wenig über die Risiken von Sex mit anderen Frauen. Und auch Frauenärzten fehle die nötige Sensibilisierung.

Auf diesem Blog schreibe ich ab und zu über LGBT-Themen. Dabei betrachte ich die Welt immer nur durch meine männlichen Augen. Höchste Zeit, sich mit den Lesben in der Schweiz auseinanderzusetzen.

Ich treffe Sylvie Berrut von der Lesbenorganisation LOS in ihrem zu Hause in Täuffelen BE. Sie ist selbst lesbisch und beschäftigt sich intensiv mit der Gesundheit lesbischer Frauen.

Onur Ogul: Frau Berrut, auf einer Skala von 1 bis 10. Wie weit ist die Gleichstellung von lesbischen Frauen in der Schweiz fortgeschritten, wenn 10 die vollständige Gleichstellung bedeutet?
Sylvie Berrut: Wenn wir von der rechtlichen Gleichstellung sprechen, würde ich zwischen 6 und 7 sagen. Auch wenn es da Fortschritte gab, Baustellen bestehen noch beim Thema Elternwerden, Öffnung der Ehe und im Kampf gegen Diskriminierung. Bezüglich Gesundheit gibt es dann noch ein paar Probleme mehr.

Was sind das für Probleme?
Erstens haben lesbische Frauen öfters psychische Probleme als andere. Zweitens mangelt es vor allem an Aufmerksamkeit für die spezifischen gesundheitlichen Risiken, welche Frauen, die Sex mit Frauen haben, tragen.

Sie sprechen da zwei grosse Themen an. Reden wir zunächst über die Risiken von Sex unter Frauen. Welche gibt es da?
Es gibt ein kleines Risiko für HIV-Ansteckungen, etwa über Blut während der Periode oder beim Austausch von Sexspielzeug. Viel höher ist das Risiko einer Ansteckung mit Syphilis, Chlamydien oder Papillomaviren, die Gebärmutterhalskrebs auslösen können. Doch weder Lesben noch Ärzte sind sich dessen genügend bewusst.

Sie wollten dem mit Ihrer Studie «Lesben beim Gynäkologen» auf den Grund gehen. Dafür haben Sie mehrere Frauen und Ärzte interviewt. Weshalb sind Lesben denn so schlecht informiert?
Es ist ein allgemeines Problem, dass lesbische Themen in der Öffentlichkeit nicht vorkommen. Medien etwa berichten in neun von zehn Fällen von Schwulen, wenn es um Homosexualität geht.

Wieso diese Konzentration auf homosexuelle Männer?
Medien berichten generell mehr über Männer als Frauen. Dabei drehen sich Artikel zu Gesundheitsthemen praktisch nur um das HIV-Problem der Schwulen.

Sie sind selbst lesbisch. Frustriert Sie diese Konzentration auf Schwule?
Natürlich. Ohne Sensibilisierung der Öffentlichkeit ist es enorm schwierig, Projekte zur lesbischen Gesundheit auf die Beine zu stellen. Es fehlt schlichtweg das Geld für Forschung und offizielle Informationskampagnen.

Aber 2014 erscheinen ja auch lesbische Pärchen in der Kampagne «Love Life» zur Prävention von sexuell übertragbaren Krankheiten.
Ja, auf einigen Plakaten sind zwei knutschende Frauen und das Love Life Logo zu sehen. Letzteres stellt eine Kondompackung dar, was Lesben eher verwirrt statt aufklärt. Man kommuniziert nicht, welches Risiko Lesben beim Sex wirklich tragen oder dass sie sich etwa mit Kondomen auf Sexspielzeug oder sogenannten Lecktüchern dagegen schützen können.

Die Angst vor dem Frauenarzt

Das erklärt, weshalb die Lesben schlecht informiert sind. Ihre Studie hatte aber auch Ärzte im Fokus.
Genau. Durch Interviews mit ihnen habe ich festgestellt, dass die Sexualität zwischen Frauen in der medizinischen Ausbildung nicht genügend thematisiert wird. Das führt dazu, dass Ärzte einfach nach Bauchgefühl handeln. Die Frauenärzte gaben mir gegenüber zu, keine offiziellen Informationen zu Risiken beim Sex zwischen Frauen zu besitzen. Das ist mit ein Grund, weshalb lesbische Frauen weniger häufig zum Gynäkologen gehen als andere.

Sie haben noch weitere Gründe dafür gefunden. Welche?
Viele Lesben glauben offenbar, den Frauenarzt gebe es nur, um die Pille zur Verhütung zu verschreiben. Zudem herrscht der Irrglaube, nur Sex mit Männern bringe gesundheitliche Risiken mit sich. Ein Gebärmutterhalsabstrich wäre ein Grund, um zum Frauenarzt zu gehen. Doch leider gibt es in der Schweiz im Gegensatz zu anderen Ländern keine nationale Informationskampagne dazu. Das fördert gerade bei Lesben das Risiko, einen Krebs erst spät zu entdecken. Obendrauf kommt noch die Angst, vom Arzt schlechter behandelt zu werden, wenn er von der sexuellen Orientierung erfährt.

Ist da was dran?
Meine Befragungen haben gezeigt, dass es Frauenärzte – sowohl männliche als auch weibliche – gibt, die grundfalsche Vorstellungen von der Sexualität einer Lesbe haben. So entgegnete ein Gynäkologe, als sich seine Patientin vor ihm outete: «Ah, Sie sind lesbisch? Sie sind also noch Jungfrau?». Das hängt selbstverständlich von den Sexualpraktiken ab, die man pflegt, und nicht von der sexuellen Orientierung.

Das ist zwar ärgerlich, klingt aber verkraftbar.
Das hängt vom Charakter der einzelnen Frau ab. Einige können das verkraften und wieder vergessen. Andere sind da sensibler. Sie fühlen sich bei ihrem Arzt nicht mehr in professionellen Händen. Es gibt aber noch weitaus schlimmere Fälle. Ein Gynäkologe erklärte seiner Patientin, die sich gerade bei ihm geoutet hatte, sie leide möglicherweise an einem genetischen Fehler. Sie könne aber auch ein Problem mit ihrem Vater haben. Sie solle einen Pfarrer konsultieren und wieder kommen, wenn sie wieder normal sei. Das ist eine krasse Diskriminierung.

Welche Empfehlungen können Sie Ärzten dank Ihrer Studie machen?
Sie sollten sich über die Risiken von Sex zwischen zwei Frauen informieren. Und schon während ihrer Ausbildung sollten sie sich mit Diversität in der sexuellen Orientierung auseinandersetzen müssen. Das ist heute zu wenig der Fall. In der Beratung wäre es hilfreich, wenn die Ärzte nach dem Geschlecht der Sexualpartner ihrer Patientinnen fragen würden. Frauenärzte sollten auch über Kontakte zu Lesbenorganisationen verfügen, wohin sie ihre Patientinnen zur weiteren Beratung weitervermitteln können.

Das wäre ja eigentlich einfach.
Wichtig ist, dass sich die Frauen bei ihrem Gynäkologen wohl fühlen. Da nützen schon Kleinigkeiten, wie etwa die Ausgestaltung des Wartesaals. Heute schmücken Bilder von Heteropaaren und Babys die Räume. Es liegen Broschüren herum, die sich rund um die Mutterschaft, oder Menopause drehen. Eine Lesbe findet keinen Hinweis, dass sie hier auf einen Arzt treffen wird, der gegenüber Homosexualität aufgeschlossen ist. Ein Bild eines lesbischen Pärchens oder ein zwei Broschüren zum Thema lesbische Gesundheit wären da schon hilfreich.

Was können die Frauen für ihren Teil tun?
Es ist wichtig, dass sie den Mut zusammennehmen und sich bei ihrem Arzt outen. Das sensibilisiert ihn, worauf er sich hoffentlich genauer zu den Bedürfnissen von Lesben informieren wird.

Und was, wenn es mit dem eigenen Frauenarzt einfach nicht klappt?
Wer eine echte Diskriminierung erlebt, sollte den Fall der zuständigen Ethikkommission melden. Weiter hat Santé PluriELLE in der Romandie eine Liste mit homofreundlichen Gynäkologen erstellt. In der Deutschschweiz gibt es das noch nicht. Doch Freundinnen oder Lesbenorganisationen können bei der Vermittlung helfen. Eine gute Sache wären auch Praxen, die auf Bedürfnisse von Lesben spezialisiert sind. Solche Checkpoints gibt es bereits in grossen Schweizer Städten, jedoch nur für Homosexuelle und Transmenschen.

Der psychische Druck ist hoch

Womit wir wieder bei der Fokussierung auf Schwule wären.
Ganz genau. Lesben fühlen sich deshalb schnell einmal alleine. Lesbische Frauen sind in der Öffentlichkeit praktisch nicht sichtbar, weshalb es auch fast keine Vorbilder gibt. Ich wette, Sie schaffen es nicht, fünf in der Schweizer Öffentlichkeit stehende Lesben aufzuzählen.

Nun, da wäre die Zürcher Stadtpräsidentin, Corine Mauch… Gut, Sie haben mich erwischt.
Sehen Sie. Frauen wie sie gibt es schlichtweg zu wenig. Gerade als junger Mensch ist es wichtig, sich an Vorbildern orientieren zu können. Lesbisch sein und dazu zu stehen ist in der Schweiz nach wie vor schwierig.

Was hat das für Konsequenzen?
Studien zeigen, dass Lesben unter Stress und Diskriminierung leiden. Unter ihnen kommt es zweimal häufiger zu Depressionen als bei anderen Frauen.

Sie sprechen nun die psychische Gesundheit an.
Genau. Die psychischen Probleme sind unter anderem für den erhöhten Tabak- und Alkoholkonsum von Lesben verantwortlich. Studien belegen auch, dass die Anzahl Suizidversuche bei Lesben viel höher ist als bei heterosexuellen Frauen.

Das kann aber nicht nur am Fehlen von Vorbildern liegen.
Es kommt immer wieder zu Gewalt gegen Homosexuelle. Leute äussern sich öffentlich homophob, und immer wieder verstossen Familien homosexuelle Mitglieder nach ihrem Outing. Das Modell der internalisierten Homophobie besagt, dass sich Homophobie in Homosexuelle tief einbrennt. Sie entwickeln ein negatives Bild von sich selbst und schämen sich. Das setzt der Psyche natürlich zu.

Sie sagten mir zu Beginn, auf der Skala von 1 bis 10 läge die Gleichstellung der Lesben in der Schweiz heute zwischen 6 und 7. Haben Sie Hoffnung, die 10 irgendwann noch zu erreichen?
Ich bin zuversichtlich. Die Entwicklungen verlaufen deutlich positiv. Wir werden wohl auch in zehn Jahren die 10 nicht erreichen. Aber auf der Skala werden wir da vielleicht bei der 7 oder 8 angekommen sein.

 

Sylvie Berrut in ihrem Arbeitszimmer.

Sylvie Berrut (38) ist Projektverantwortliche bei Santé PluriELLE, einer Fachgruppe der Lesbenorganisation Schweiz (LOS), die sich für die Gesundheit von lesbischen und bisexuellen Frauen einsetzt. Berrut hat dieses Jahr die Studie «Lesben beim Gynäkologen» zur Erreichung des Masters of Advanced Studies in Public Health verfasst. Sie lebt zusammen mit ihrer Partnerin in Täuffelen BE.

 

Fotos: Sabine Wunderlin

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Onur Ogul

 

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